Mitten in der Stadt, das hat auch seine Vorteile! Zum Berliner Congress Center sind es auch bei verschneiten Straßen nur zwei Minuten zu Fuß. Vorbei an der riesigen Baustelle für das größte Shopping Center Europas und direkt ins BCC zum 22. Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs (CCC). Supername für einen Verein finde ich und Superlocation direkt vor meiner Haustür! Also, bin ich um 11.30 hier. Vor 12 Uhr gibt es keine Veranstaltungen - damit alle ausschlafen können. Also, auch eine supersympathische Organisation!
Allgemein geht's um Technologie, Gesellschaft und Utopia (superinteressante Themen). Na ja, immerhin 25 Euro kostet ein Tagespass. Der gesamte Kongress ist deshalb beim derzeitigen Budget nicht drin. Am Eingang gibt es Aufkleber mit der Aufschrift „uns gefällt alles“ und „liebe.freiheit.alles“, danach bin ich schon im Gespräch mit Leuten am Stand der Wau-Holland-Stiftung. Wau Holland wird von vielen als der Urvater des CCC betrachtet. Er starb 2001 unter ungeklärten Umständen und hinterließ ein riesiges Archiv an Dokumenten. Die Wau-Holland-Stiftung befindet sich noch mitten im Gründungsprozess und ein endgültiger Platz für das Archiv ist noch nicht gefunden, aber ein paar Originaldokumente aus dem 1981 kriege ich auch hier gleich direkt zu Gesicht. Wirklich interessant, aber leider habe ich nicht genug Zeit, mich länger zu unterhalten. Nachdem mir „hhmm?“ erzählt, wie er Holland in Jena getroffen hat und am Ende mit ihm zusammenwohnte, muss ich schon los zu ersten Veranstaltung.
Tonnere Lombard und André Rebentisch sprechen über Softwarepatente in Europa. Zuerst erklären sie uns, was Patente sind. Ok, vielleicht ganz wichtig, aber darüber habe ich schon auf Heise gelesen. Dann eine Aussage: …dass man mit der Idee dass „Informationen frei sein müssen“ im politischen Alltag nicht ‚kommen kann’. Na gut, Dankeschön, aber ich finde freie Informationen sind ein Menschenrecht. Was André hier sagt, ist vielleicht nur die Einsicht von ihm, der in der Praxis mit Politikern diskutiert. Jedenfalls bekommen wir einen kleinen Einblick in die Realität des Lobbying in Europa. Danach schaue ich mich erstmal weiter um.
Wikipedia und die Täg-Macher von Semapedia aus Wien sind auch da. Was mir noch auffällt ist, dass nicht mehr geraucht werden darf beim CCC. Das wird auch meistens eingehalten. Auf jeden Fall eine positive Entwicklung. Ansonsten sind mehr Frauen und mehr Mainstreampublikum (zu denen ich mich auch eher zähle) als vor Jahren da. Das ist ja nicht das Schlechteste. Aber offensichtlich ist Stammpublikum weggeblieben. Von der C-Base ist kaum jemand zu sehen. Eine kleine Umfrage bestätigt „den C-Base-Leuten ist das mittlerweile zu teuer geworden…“. Das sagt mir ein jahrelanger Teilnehmer. Natürlich kann ich das nur zu gut nachvollziehen. Weiter geht es.
Die Antennen hier kommen mir trotzdem irgendwie bekannt vor. Ja klar! Das sind die Werke von Offline-Horst von Freifunk! Die Freifunker sind natürlich nicht nur virtuell per WLAN dabei, sondern auch reell..
Beim nächsten Vortrag muss George N. Dafermos wegen eines Stromausfalls erst einmal eine halbe Stunde ohne Mikro auskommen. Seine Gedanken zu Patenten, Copyright und Lizenzen hatte ich auch schon einmal ähnlich irgendwann im Hinterkopf. Er beleuchtet jedenfalls einmal einen ganz anderen Aspekt in der Diskussion – nicht die Nutzer, sondern die Macher, die für die proprietären Softwareschmieden arbeiten. Softwarepatente sind auch eine Art der Ausbeutung der Programmierer meint er. Sein Beispiel ist natürlich abstrahiert und überspitzt, aber dennoch sehr einleuchtend: Wenn jemand z.B. für Microsoft arbeitet und dort Code produziert, kann er diesen nicht nach dem Ende seines Vertrags mitnehmen. Die Firma kann diesen Code jedoch unendlich weiterverwerten und profitiert somit unter Umständen noch jahrelang von der Arbeit. Durch proprietäre Lizenzen verbleiben alle Rechte bei der Firma. Der Programmierer darf seine Arbeit jedoch nicht weiterverwenden, da es sich jetzt um den proprietären Code dieser Firma handelt. Die These von Georgios also: Softwarepatente kontrollieren den Arbeiter der Zukunft. Er hat keine Rechte an seiner Arbeit. Über eine Lösung hat er danach nicht mehr diskutiert. Dafür reichte die Zeit nicht. Georgios war dann auch weg. Man hat ihm auch ein bisschen angesehen, dass der Abend zuvor wohl ein bisschen länger ging. Na ja, das Bier ist ja auch viel billiger in Berlin als in Griechenland.
Mehr Blogeinträge über den Kongress gibt es hier: https://events.ccc.de/congress/2005/wiki/Weblogs